Entdecken und Geniessen:
Marokko am Main

08.05.16

Marokko Kasbah

Marokko liegt am Mittelmeer bzw. am Atlantik. Klar, ist bekannt. Weniger bekannt dürfte sein, dass Marokko eine uralte Weinbautradition besitzt, die bis zu den Phöniziern zurückreicht. Und gänzlich unbekannt ist wahrscheinlich, dass es auch am Main, im Frankenland, ein „Marokko“ gibt, in dem Wein angebaut wird.

Aufmerksam wurde ich auf dieses Phänomen, als ich im Ausstellerverzeichnis der letzten ProWein nach Erzeugern aus Marokko suchte. Denn natürlich versuche ich, mein Sortiment an exotischen Weinen stetig zu erweitern, vorzugsweise aus Ländern, in denen ich selbst schon war.

Als ich mich im Mai 1989 nach Marokko aufmachte, war das für mich in zweierlei Hinsicht Neuland: zum ersten Mal in meinem Leben betrat ich afrikanischen Boden und zum ersten Mal besuchte ich ein muslimisches Land. Vier Wochen lang bereiste ich das Königreich auf eigene Faust, mit Rucksack und öffentlichen Verkehrsmitteln. Von Tanger ganz im Norden die Atlantikküste entlang bis Agadir, dann landeinwärts nach Tafraoute. Weiter ins Atlas-Gebirge und nach Marrakesch. Von dort Richtung Südosten, entlang der „Straße der Kasbahs“, wieder nordwärts in die Königsstadt Fes und weiter nach Melilla, der spanischen Enklave am Mittelmeer. Und schlussendlich dem Küstenverlauf folgend zurück nach Tanger.

Ein faszinierendes Land mit kilometerlangen Sandstränden und grandiosen Landschaften, das vielfältige und auch zwiespältige Eindrücke bei mir hinterlassen hat: quirlige Städte mit malerischen Medinas und Souks. Fremdartige Gewürze und Speisen wie die Fastensuppe Harira oder Tajine, ein Schmorgericht im traditionellen Lehmkochtopf. Das Nationalgetränk Marokkos „whisky marocain“, ein Tee mit frischer Minze und sehr viel Zucker. Dattelpalmen. Esel, Kamele. Polizeikontrollen. Die roten Bedford-Trucks der Berber. Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft. Aber auch, gerade in den großen Städten, zahlreiche aufdringliche Abzocker, Bettler, Fremdenführer, Geldwechsler, Haschhändler und sonstige Geschäftemacher. Einige Erlebnisse und Begegnungen haben sich besonders eingebrannt:

Die Kinder in den Dörfern, die Kulis oder Geld verlangten: „Donnez-moi un stylo, donnez-moi un Dirham!“ Kam man der „Bitte“ nicht nach, flogen auch schon mal Steine. Die gebetsmühlenartigen Worte verfolgten mich in den Schlaf bis ich mir einbildete, der Muezzin würde sie beim morgendlichen Gebetsruf vom Minarett schreien.

Die sangesfreudige Bergsteigertruppe im Hohen Atlas, die mir anbot, mich ihr bei der Besteigung des Djebel Toubkal (4.167 m) anzuschließen, und ohne die ich es wahrscheinlich nicht auf den höchsten Berg Nordafrikas geschafft hätte.

Die abenteuerlichen Fahrten in überfüllten Taxis (z. B. 11 Mann in einem alten Peugeot 504) und mit unbequemen, klapprigen Bussen, die grundsätzlich Verspätung hatten. Besonders beeindruckend: die akrobatischen Meisterleistungen der Busschaffner, die bei voller Fahrt vom Dach, wo sie das Gepäck verstaut hatten, wieder ins Innere kletterten mussten.

Der gebeugte Greis mit seinem Gehstock aus schwerem Eisen, der von seinem Sohn neben mir in den Bus gesetzt wurde und der mit mir seine Orangen teilte, die er eingepackt bekommen hatte.

Die gemeinsamen Reisetage mit Steve, einem coolen Ex-Banker aus Alaska, der schon die halbe Welt bereist hatte, und mit dem ich bis zum heutigen Tag Kontakt habe.

Marokko Gewürze

All das kam mir wieder in den Sinn als ich auf der Webseite der ProWein nach Ausstellern aus Marokko recherchierte. Umso größer war mein Erstaunen, als beim Suchbegriff „Marokko“ das Weingut Scheuring im fränkischen Margetshöchheim hoch ploppte.

Auf meine Nachfrage hin bestätigte Winzerin Ilonka Scheuring, dass das Örtchen in der Gegend seit Jahrzehnten als „Marokko“ bekannt sei. Wer im nahe gelegenen Würzburg in ein Taxi steigt und sagt, er wolle nach Marokko, würde nicht etwa zum Frankfurter Flughafen, sondern automatisch nach Margetshöchheim gefahren werden. Woher der Spitzname kommt, wusste sie allerdings nicht. Neugierig geworden, forschte ich beim Bürgerbüro der Gemeinde nach und erfuhr, dass der Name kurz nach dem zweiten Weltkrieg entstanden ist:

Viele „Margezöchemer“ mussten zur Schule oder auf die Arbeit nach Würzburg. Dazu mussten sie zunächst mit der Fähre den Main nach Veitshöchheim überqueren und von dort weiter mit dem Zug fahren. Da die Fähre oft Verspätung hatte, kamen sie dann völlig abgehetzt am Bahnhof an, wo sie von den „Veizöchemern“ spöttisch empfangen wurden: „A da sinn ja die Marokkaner vo Üwersee, jetzt kann der Zuch komm“.

Inzwischen ist der einstige Spottname zu einem Markenzeichen für Margetshöchheim geworden. Auch Ilonka Scheuring, die 2010 von der DLG zur Jungwinzerin des Jahres gekürt wurde, wirbt mit „Marokko am Main“.

Und so endete meine Suche nach marokkanischen Weinen also im nahen Mainfranken. Immerhin bin ich meine Reiseroute von einst nochmal im Geiste abgefahren. Wer nun aber eigentlich auf marokkanische Weine gehofft hat, mit dem möchte ich nicht nur meine Entdeckung am Main teilen, sondern auch den Hinweis geben: Wein aus dem nordafrikanischen Marokko gibt es u.a. bei Wein Lehmann & Co. Und vielleicht demnächst in meinem Shop.